Viele erfahrene Köchinnen und Köche schwören darauf: Ein Schmorgericht wie Bigos, Gulasch oder Boeuf Bourguignon schmeckt am Tag nach der Zubereitung besser als frisch vom Herd. Das ist kein reiner Mythos, sondern lässt sich mit ein paar handfesten, gut belegten Gründen erklären, die alle mit dem zu tun haben, was in Topf und Kühlschrank chemisch weiter passiert, nachdem der Herd schon längst aus ist.
Aromen brauchen Zeit, um sich zu verbinden
Beim Schmoren entstehen durch die lange Garzeit zahlreiche Geschmacksstoffe aus Fleisch, Gemüse und Gewürzen, die sich zunächst nebeneinander im Topf befinden. Über Nacht im Kühlschrank haben diese Verbindungen mehr Zeit, sich gleichmäßig durch die Flüssigkeit und ins Fleisch hinein zu verteilen. Das Ergebnis ist ein runderer, tieferer Geschmack, bei dem einzelne Zutaten weniger isoliert herausschmecken als kurz nach dem Kochen. Besonders Gewürze mit fettlöslichen Aromastoffen, wie sie in vielen Kräutern und Wurzelgewürzen vorkommen, profitieren von dieser zusätzlichen Zeit im Fett und in der Sauce.
Fett wird fest — und lässt sich gezielt entfernen
Frisch vom Herd schwimmt das beim Schmoren austretende Fett meist noch flüssig auf der Oberfläche und vermischt sich leicht mit der Sauce. Im Kühlschrank kühlt es ab und wird fest, sodass es sich am nächsten Tag als zusammenhängende Schicht abheben lässt. Das macht die Sauce nicht nur leichter, sondern auch klarer im Geschmack, weil überschüssiges Fett den Eindruck von Würze sonst verwässern kann. Wer möchte, kann das abgeschöpfte Fett sogar weiterverwenden, etwa zum Anbraten von Gemüse, da es bereits die Röstaromen des Schmorguts aufgenommen hat.
Kollagen und Gelatine dicken die Sauce nach
Bindegewebsreiche Fleischstücke, wie sie für Schmorgerichte typisch sind, geben beim langsamen Garen Kollagen ab, das sich in Gelatine umwandelt. Diese braucht Zeit und niedrigere Temperaturen, um die Flüssigkeit spürbar anzudicken. Über Nacht im Kühlschrank setzt dieser Effekt sich fort, weshalb eine über Nacht durchgezogene Sauce oft von selbst sämiger wirkt, ganz ohne zusätzliches Mehl oder Stärke. Beim erneuten Erwärmen löst sich die kalt fest gewordene Gelatine wieder auf und sorgt für die charakteristische, leicht klebrige Textur, die viele Schmorsaucen erst am zweiten Tag erreichen.
Warum Bigos ein Paradebeispiel ist
Der polnische Bigos, ein Schmoreintopf aus frischem und Sauerkraut sowie verschiedenen Fleischsorten, gilt in Polen traditionell sogar als Gericht, das durch mehrfaches Aufwärmen an mehreren Tagen gewinnt. Die Kombination aus fermentiertem Kohl, langsam geschmortem Fleisch und wiederholtem Erhitzen sorgt für genau die Aromenentwicklung, die auch bei anderen Schmorgerichten den Unterschied zwischen frisch und durchgezogen ausmacht. In manchen Familien wird Bigos deshalb bewusst schon Tage im Voraus gekocht, statt ihn erst kurz vor dem Servieren zuzubereiten.
Worauf beim Aufbewahren zu achten ist
Damit der positive Effekt nicht durch Lebensmittelsicherheitsrisiken erkauft wird, sollte das Gericht zügig nach dem Kochen abkühlen und in den Kühlschrank kommen, statt stundenlang bei Raumtemperatur zu stehen. Größere Mengen lassen sich dafür am besten in flachen, breiten Behältern statt in einem tiefen Topf lagern, damit die Wärme schneller entweicht. Beim erneuten Erhitzen gilt: gründlich und vollständig durcherhitzen, nicht nur lauwarm auffrischen, damit auch die Sicherheit stimmt und nicht nur der Geschmack.